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Kultur
Inspiriert von einer Kreuzotter: "Zwei Extreme" in Tittmoning

Wundersame, "ausgestorbene" Tiere des Rupertiwinkels, erdacht von Susanne von Siemens und farbenfrohe Holzschnitte von Silvia Menzel sind derzeit in der Burg Tittmoning zu sehen. Beide schöpfen aus der heiteren "Poesie der Natur". Von Peter Jungblut.

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Neulich, beim Mittagsschlaf in der Natur, ist ihr eine Kreuzotter über die Füße gekrochen, erzählt Silvia Menzel ganz gelassen. Sie hat es erst gemerkt, als die „Gefahr“ schon vorbei war, weil sie dachte, jemand wollte sie necken. Auf einer kleinen Insel im Chiemgau sei das gewesen, da gebe es viele Schlangen, und die haben sie zu einem Paradies-Bild inspiriert, so ganz anders als üblich. Die Schlange ist hier nicht Sinnbild der Sünde und des Verderbens, sondern der Heilkraft, der Fruchtbarkeit und des Lebens. Der Schatten einer Frau tanzt mit dem Reptil, inmitten einer üppig-bunten Vegetation. Überhaupt sind die Holzdrucke und Gemälde von Silvia Menzel, die jetzt auf der Burg Tittmoning zu sehen sind, allesamt lichtdurchflutet, farbintensiv und voller Optimismus. Jedem der Werke ist anzumerken, dass die Künstlerin die Natur liebt, nicht als kitschige Idylle, sondern als geheimnisvolle, mythische Kraftquelle. In ihren Porträts sehen einen lauter in sich ruhende Menschen an, „geerdet“, gelassen, gereift - etwa in der Arbeit "Fly with me", die in rot und blau funkelt.

Großformatige Holzschnitte sind kräftezehrend

Ziemlich anstrengend sei die Arbeit mit dem Holz, so Silvia Menzel, selbst dann, wenn sie gelegentlich mit der Motorsäge arbeite. Da sie nebenbei jedoch auch als Masseurin Geld verdiene, habe sie die nötige Kraft in den Handgelenken. Gleichwohl verwirklicht sie die großformatigen Werke mitunter erst nach und nach, sehr bedächtig. Das Konzept muss von Anfang fest stehen, beim Holzschnitt sind Korrekturen nachträglich ausgeschlossen, aber es kann dauern, bis die gesamte Fläche geschnitzt ist. Damit der Besucher eine Ahnung davon bekommt, wie kräftezehrend das ist, sind einige der gekerbten Holztafeln ausgestellt.

Tiere - von Pilger-Massen "genervt"

„Zwei Extreme. Eine Wurzel“ ist die aktuelle Ausstellung in Tittmoning betitelt, denn ergänzt werden die Holzschnitte durch herrlich witzige, auf heitere Art berührende Natur-Objekte von Susanne von Siemens. Sie lässt Knochen tanzen, lässt Schneckenhäuser aus ihrem Garten nach Größe und Art sortiert aufmarschieren, fertigt aus Pflanzenteilen elegante Abendroben und hat eine Menagerie „ausgestorbener Tiere“ des Rupertiwinkels gezaubert, die alle Besucher ihre Smartphones zücken ließ. Da krabbelte, zischte und flatterte es, wimmelte es von vermeintlich „reißenden Bestien“, „intelligenten Viechern“ und „genialen Tricksern“, die nach zuverlässigen Begleittexten allesamt im Ponlachgraben hausten, einem Ort, an dem früher fromme Pilger massenhaft aufkreuzten, um an einer heilkräftigen Quelle ihre Augen zu stärken. Manche Tiere waren davon so „genervt“, dass sie „aus Protest“ ausstarben, darunter der raffinierte "Geschwänzte Zungen-Schnalzler", der Insekten zum Verhängnis wurde.

Auch verrostete Kornkorken taugen noch

Wer an all diesen kleinen wie großen Schaustücken vorbei flaniert ist, wird Fürstenstock und „Carabinnierisaal“ auf der Tittmoninger Burg höchst amüsiert verlassen und staunend die große Dorflinde betrachten, die mitten im Burghof Schatten spendet. Beeindruckend, wie diese beiden Künstlerinnen die „Poesie der Natur“ interpretieren, frei von allen Klischees und romantischem Pathos, fern von verkopfter „Konzeptkunst“, stattdessen humorvoll, anspielungs- und kenntnisreich. Ob es feine Wurzeln sind, die mit noch feineren roten Fäden verbunden wurden, ein gewaltiger Wurzelteller, der dem Kopf eines im Lehm liegenden Menschen entspringt oder die Barke „Glaube, Liebe, Hoffnung“ aus Treibholz: Alles Objekte aus Fundstücken. Sogar für verrostete Kronkorken gibt es neue Verwendung. Wer im Rupertiwinkel unterwegs ist, kommt hier garantiert auf sommerlich-beschwingte Gedanken.

Bis 8. Juli 2018 in der Burg Tittmoning, mittwochs bis sonntags 13 bis 17 Uhr.

Quelle: kulturLeben
12.07.2018 - 14:05 Uhr